Negroni
12,00 €Gin, Campari, roter Wermut
um 1919 · Florenz, Graf Camillo Negroni zugeschrieben
Angeblich bat der Graf darum, den Soda im Americano durch Gin zu ersetzen. Die Geschichte ist gut, belegt ist sie nur schwach.
An der Burgruine Hayn · Dreieichenhain
Bar vorn, Lounge hinten. Dunkles Holz, blauer Neonschriftzug über dem Rückbuffet, Samt in Marineblau und Weinrot, Messing an jeder Kante. Wir mischen Klassiker mit Herkunftsnachweis und schenken Wein aus zwei Anbaugebieten vor der Haustür aus.
Der Raum
Dreieichenhain, Dreieich
Vorn steht der Tresen aus Nussbaum, dahinter das Rückbuffet über die ganze Wandbreite. Darüber leuchtet der Schriftzug in Blau. Das ist das einzige grelle Licht im Haus, alles andere kommt aus Messingschirmen und bleibt warm.
Hinten wird aus der Bar eine Lounge: tiefe Sessel in Marineblau, ein paar in Weinrot, Marmortische mit Messingrand, ein Teppich, der Schritte schluckt. Wer reden will, sitzt dort. Wer zusehen will, wie gearbeitet wird, sitzt vorn.
Das Haus steht in der Altstadt von Dreieichenhain, gegenüber einer Ruine, deren Wohnturm um 1080 gebaut wurde. Wir bauen nicht dagegen an. Das Alte trägt, das Neue hält sich zurück.
Wo wir stehen
Die Karte
Wir mischen fast nur, was älter ist als hundert Jahre. Nicht aus Nostalgie, sondern weil diese Rezepte einen Grund hatten. Zu jedem steht, woher er kommt.
Nichts davon ist jünger als hundert Jahre
Als in den Vereinigten Staaten 1920 der Ausschank verboten wurde, gingen die besten Barleute nach Europa. Was sie in Paris und London weitermischten, steht bis heute auf jeder ernst gemeinten Karte. Zu jedem Getränk steht, woher es kommt.
Gin, Campari, roter Wermut
um 1919 · Florenz, Graf Camillo Negroni zugeschrieben
Angeblich bat der Graf darum, den Soda im Americano durch Gin zu ersetzen. Die Geschichte ist gut, belegt ist sie nur schwach.
Gin, Honig, Zitrone
1920er · Frank Meier, Hotel Ritz, Paris
Der Honig war kein Feinsinn, sondern Notwehr. Er deckte zu, was der schwarz gebrannte Gin sonst verraten hätte.
Gin, Champagner, Zitrone, Zucker
1915 · Harry MacElhone zugeschrieben, New York Bar, Paris
Benannt nach dem französischen 75-Millimeter-Feldgeschütz. 1930 im Savoy Cocktail Book verewigt.
Cognac, Orangenlikör, Zitrone
um 1920 · Paris oder London, die Zuschreibung ist bis heute strittig
Drei Zutaten, kein Versteck. Entweder er sitzt oder er sitzt nicht.
Gin, roter Wermut, Fernet Branca
um 1920 · Ada Coleman, American Bar im Savoy, London
Coleman führte die American Bar von 1903 bis 1926. Sie mixte ihn für einen Stammgast, der um etwas mit Schlagkraft bat.
Gin, grüner Chartreuse, Maraschino, Limette
um 1915 · Detroit Athletic Club
Vier Zutaten zu gleichen Teilen. Ein halbes Jahrhundert vergessen, dann zurückgeholt.
Bourbon, Campari, roter Wermut
1927 · Erskine Gwynne, Paris
Der schwerere Bruder des Negroni. Gwynne gab in Paris eine Zeitschrift heraus, die dem Getränk den Namen lieh.
Gin, Orangenlikör, Lillet, Zitrone, ein Hauch Absinth
1930 · Harry Craddock, Savoy Cocktail Book
Craddock schrieb dazu, vier davon hintereinander würden den Geist erneut austreiben.
Was hier wächst, kommt hier ins Glas
Wir stehen in Hessen, nicht in Manhattan. Das älteste Apfelweinhaus des Landes steht ein paar Schritte weiter in derselben Altstadt. Diese drei sind Hausmischungen und geben sich nicht als historische Rezepte aus.
Apfelwein, Gin, Zitrone, Thymian
Haus · Eigene Mischung
Der Apfelwein bringt die Säure mit, der Gin die Kante. Benannt nach dem Wohnturm, der seit dem elften Jahrhundert über dem Ort steht.
Apfelbrand, Holunder, Sekt
Haus · Eigene Mischung
Das Obertor der Altstadt steht seit 1350. Der Drink ist jünger.
Roggenwhisky, Quitte, Wermut, Walnussbitter
Haus · Eigene Mischung
Der Bach, der alle vier Stadtteile verbindet, gab den Namen. Braun, ruhig, kein schneller Drink.
Zwei Anbaugebiete vor der Haustür
Rheinhessen liegt westlich, der Rheingau nördlich, beide sind von hier eine knappe Autostunde entfernt. Alle Weine gibt es offen im Glas und in der Flasche. je 0,2 l
Trocken, Apfel, Schiefer, klare Säure
Rheingau · Hessen, rechtes Rheinufer
Rund 80 Prozent der Rebfläche im Rheingau sind Riesling. Wenn ein Wein hierher gehört, dann dieser.
Trocken, Birne, Kräuter, zurückhaltende Säure
Rheinhessen · Größtes deutsches Anbaugebiet, 27.500 Hektar
Der stille Gegenentwurf zum Riesling. Passt zu allem, was salzig auf den Tisch kommt.
Trocken, Kirsche, Waldboden, feines Tannin
Rheingau · Rund 390 Hektar im Gebiet
Der einzige deutsche Rote auf der Karte. Er muss sich neben den Italienern nicht verstecken.
Trocken, dunkle Frucht, weich, warm
Apulien · Italien, Absatz des Stiefels
Der wärmste Wein auf der Karte. Für den späteren Teil des Abends.
Keine Küche, aber auch kein leerer Tisch
Wir kochen nicht. Was hier steht, kommt kalt auf den Tisch und ist dafür gemacht, in der Mitte zu stehen, während geredet wird.
Grüne Oliven, gesalzene Mandeln
Haus · Geröstet mit Rosmarin und Salz
Kommt zu jedem zweiten Getränk ungefragt dazu, wenn wir Zeit haben.
Sauerteigbrot, Olivenöl, Meersalz
Haus · Brot vom Bäcker aus der Altstadt
Klingt nach wenig. Ist es auch. Wird trotzdem immer leer.
Drei Sorten, Feigensenf, eingelegtes Gemüse
Haus · Wechselnde Auswahl
Was genau darauf liegt, sagen wir am Tisch. Es ändert sich, sobald etwas Besseres da ist.
Gleiche Sorgfalt, kein Alkohol
Wer fährt, arbeitet oder einfach keine Lust hat, bekommt bei uns nicht Cola mit Strohhalm.
Honig, Zitrone, Kamille, Soda
Haus · Nach dem Vorbild von 1920
Dasselbe Verhältnis wie beim Original, nur ohne den Gin, den es zu verstecken galt.
Naturtrüb, ungezuckert
Rheingau · Aus demselben Gebiet wie der Wein
Derselbe Boden, dieselbe Rebe, nur ohne Gärung. Schmeckt deutlich weniger süß, als man erwartet.
Rhabarber, Ingwer, Limette, Soda
Haus · Eigene Mischung
Lang, kalt, trocken. Hält einen ganzen Abend.
Der Abend
Vorn am Tresen wird bedient, hinten in der Lounge sitzt man, bis das Licht ausgeht.
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